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Porträt einer Klasse: Ein unbekanntes Foto des Schülers Adorno
Von Reinhard Pabst

(Erstveröffentlichung im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" Nr. 180 vom 6. August 2009, S. 29; die Bildlegende der Redaktion lautete: "Der junge Denker links - vom Betrachter aus gesehen - von seinem Lehrer" )

Fotos des jungen und ganz jungen Theodor W. Adorno sind kaum mehr als eine Handvoll überliefert, die meisten von ihnen wurden erst 2003 vom Verfasser in der Frankfurter Universitätsbibliothek und in Privatbesitz entdeckt.

Nun ist eine historische Aufnahme aufgetaucht, die Teddie Wiesengrund auf einem Gruppenbild, inmitten seiner Schulkameraden, zeigt und die hier zum ersten Mal veröffentlicht wird. Entstanden ist das Foto 1919 am Kaiser-Wilhelms-Gymnasium im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen. Der hochbegabte Untersekundaner steht links neben dem Lehrer mit Hut, bei dem es sich vermutlich um Gustav Wenderoth handelt, andere Mitschüler konnten bislang nicht identifiziert werden.

An Studienrat Wenderoth, der die Klasse in Deutsch unterrichtete, erinnerte Adorno sich vierzig Jahre später in seinem berühmten Essay „Wörter aus der Fremde“ als einen jener „Herren, denen wir zu unserer Erziehung während des Ersten Krieges überantwortet waren“ und die „nicht so recht wußten, was das sei. Zwar konnten sie uns mit roten Strichen ermahnen, überflüssige Fremdwörter zu meiden, sonst aber (…) wenig Schlimmes zufügen“. Damit spielt er auf einen Hausaufsatz vom Anfang September 1918 an, in dem sich die wörtlich zitierte Randbemerkung tatsächlich findet („Überflüssige Fremdwörter meiden!“), der jedoch mit „vorzüglich“ benotet wurde.

Gegen die allgemein propagierte antifranzösische „Wortkeuschheit“ (so Ewald Geissler 1915 in seinem Beitrag „Der Krieg als Spracherzieher“ in der „Zeitschrift des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins“) verstieß Adorno auch in einem zweiten Hausaufsatz, den Oberlehrer Wenderoth Anfang September 1916 zu bewerten hatte.

In der ebenfalls noch unveröffentlichten Arbeit mit dem Titel „Meine Sommerferien“ schildert der zum Zeitpunkt ihrer Niederschrift zwölfjährige Teddie Wiesengrund Einzelheiten eines nur wenige Wochen zurückliegenden Aufenthalts mit Mutter und Tante im „schönen Hornberg“ im Schwarzwald. Auf einem mehrtägigen Ausflug, den die drei zu Fuß in die nähere und weitere Umgebung machten, sei Ende Juli 1916 in Hinterzarten deutlich Kanonendonner aus der Gegend um Belfort - kaum 100 km Luftlinie entfernt - zu hören gewesen. Der Lärm, der Adorno noch 1959 als ein „unendlich entfernter und unendlich mächtiger“ im Ohr war, stammte von einer sogenannten „Dicken Bertha“***, einem riesigen deutschen Mörser, der von Februar bis Oktober 1916 die französische Festungsstadt beschoß. Auch der Philosoph Roman Ingarden nahm ihn damals bei einem Besuch seines Lehrers Edmund Husserl in Freiburg i.Br. wahr: „Einmal, als ich spät in der Nacht von Husserl beim hellen Mond und in völliger Stille nach Hause ging, hörte ich auf einmal Kanonendonner von der Front in den Vogesen. Der Kontrast zwischen Philosophie und der Realität des Krieges war erschütternd“ („Meine Erinnerungen an Edmund Husserl“, 1968).

Weil aber Teddie Wiesengrund in seinem Aufsatz die Wanderung durch den Schwarzwald als tour bezeichnet hatte, trug ihm dies den Tadel seines (sprach-)nationalistischen Deutsch-Lehrers ein.

 

***Korrigiert in meinem Artikel Ohrenzeugen des Ersten Weltkriegs. Im Westen Deutschlands konnte man die Kanonen von Verdun und Belfort hören ("Frankfurter Allgemeine Zeitung" Nr. 115 vom 18. Mai 2011, S. N 3):

Alfred Döblin schrieb am 29. März 1916 in einem Brief an seinen Freund Herwarth Walden: „Mit den Ohren haben wir die Schlachten von Verdun hier mitgekämpft, orientiere Dich auf der Karte, wie weit wir von Verdun sind, … so stark war die Kanonade tags und nachts, dass bei uns die Scheiben zitterten, dass wir Trommelfeuer unterschieden, … Explosionen; ein ewiges Dröhnen, Bullern, Pauken am westlichen Himmel. Jetzt, seit 1 Woche, ist alles still; was das ist, wer weiß? Akustisch ist jedenfalls der Angriff auf Verdun zur Zeit eingeschlafen.“ Döblin war zu dieser Zeit als Militärarzt im lothringischen Sarreguemines, ungefähr 110 Kilometer von Verdun entfernt, tätig (umfassend dokumentiert in dem unlängst erschienenen Band „Alfred Döblin: ‚Meine Adresse ist: Saargemünd’. Spurensuche in einer Grenzregion“, zusammengetragen und kommentiert von Ralph Schock, Gollenstein Verlag 2010).

Der Döblin-Forschung ist zu dieser Briefpassage bisher erstaunlich wenig eingefallen. Sie wird zwar immer wieder zitiert, gleich mehrfach etwa in dem aktuellen Tagungsband „Im Banne von Verdun. Literatur und Publizistik im deutschen Südwesten zum Ersten Weltkrieg von Alfred Döblin und seinen Zeitgenossen“, herausgegeben von Ralf Georg Bogner (Peter Lang Verlag 2010). Aber noch nie hat man sich näher mit ihr befasst, geschweige denn sie in die „Klanglandschaft des Ersten Weltkrieges“ (Axel Volmar) eingebettet. Dabei ist Döblins eindrückliches Zeugnis nur eines unter sehr vielen zur akustischen Wirkung des Einsatzes schwerer Artillerie zwischen 1914 und 1918.

Dies unterscheide den Ersten Weltkrieg „einzigartig“ von allen früheren Kriegen, heißt es in der Schrift „Die Musik der Schlachten“ des Philosophiestudenten und Infanteristen Hellmuth Falkenfeld (1916), „dass er seinen schrecklichen Inhalt ebenso sehr dem Ohr wie dem Auge mitteilt…Das Auge kann man schließen, das Ohr aber nur verstopfen; wer den Krieg nicht sehen will, muss ihn hören.“ Der akustische Ausnahmezustand, den Julia Encke, Redakteurin im Feuilleton dieser Zeitung, in ihrer Studie „Augenblicke der Gefahr. Der Krieg und die Sinne, 1914-1934“ (Wilhelm Fink Verlag 2006) eingehend untersucht hat, betraf keineswegs nur Armeeangehörige wie Döblin und Falkenfeld.

Vom Raum Aachen bis in die Grenzregionen der Schweiz soll zeitweise „fast täglich“ (Robert Walser) selbst über größere Distanzen hinweg das Kampfgetöse des „westlichen Kriegsschauplatzes“ für die Zivilbevölkerung vernehmbar gewesen sein. Das belegt eine Vielzahl zeitgenössischer Dokumente, vor allem Leserbriefe und Artikel in Tageszeitungen, naturwissenschaftliche Fachaufsätze über Reichweite und Hörbarkeit des Geschützdonners sowie Notizen in Tagebüchern und Chroniken, die noch niemand systematisch gesammelt und ausgewertet hat.

Nur selten konnte die Herkunft des „Gewummers“ so genau bestimmt werden wie im Falle Theodor W. Adornos, der als zwölfjähriger Schüler im Sommer 1916 zusammen mit seiner Mutter und seiner Tante von Hornberg aus eine Ferienwanderung durch den Schwarzwald unternahm. Über die Triberger Wasserfälle, den Stöcklewaldkopf und Furtwangen erreichte man am 23. Juli Hinterzarten, wo die drei , wie Adorno in einem unveröffentlichten Schulaufsatz schrieb , „heftig den Kanonendonner von Belfort hörten“. Die Angabe läßt sich mühelos mit dem deutschen Heeresbericht vom selben Tag in Einklang bringen, in dem von „schwerem Feuer auf die Stadt Belfort“ die Rede ist. Das „Feuer“ kam von einer sehr großen 38-cm-Kanone des Typs „Langer Max“ bei Zillisheim im Elsass, südlich von Mulhouse, die zwischen Februar und Oktober 1916 Belfort unter Beschuss nahm und deren letzte Überreste noch heute zu besichtigen sind.

Zumeist blieb die Geräuschkulisse jedoch eher diffus, ein dunkles Rollen und Grollen aus der Ferne, das Karl Jaspers, Gustav Heinemann, Hans Jonas und anderen Zeitzeugen selbst nach Jahrzehnten im Ohr war. Karl Korn, einer der früheren Herausgeber dieser Zeitung, schildert in seiner Autobiographie „Die Rheingauer Jahre“ (1986), wie er 1916 im Alter von acht Jahren, bei einem Verwandten in Rüdesheim am Rhein zu Besuch, von diesem auf einen Spaziergang in die Weinberge mitgenommen wurde. „Dann hieß er mich eine Weile ganz still sein. Ob ich etwas höre? Ich hörte angestrengt und sagte, ja, ein leises Summen. Wir horchten zusammen, und da war es wieder deutlich zu hören, ein an- und abschwellendes Summen. Da machte der Onkel Hannes ein sehr ernstes und bekümmertes Gesicht und sagte, das seien die Kanonen von Verdun.“ Denen, die während des Ersten Weltkriegs Kinder waren, vermittelte der Kanonendonner eine Ahnung „des Unheimlichen, des Grauens“.

In der Universitätsstadt Marburg postierten sich 1916 wiederholt „lauschlustige und müßige Herren“ zu vorgerückter Stunde auf dem Schlossberg und auf den Lahnbergen, um mit den Ohren vielleicht etwas von dem zu erhaschen, was man allgemein als „Konzert“ der Haubitzen und Mörser verharmloste (den Gefechtslärm bildeten die fidelen Marburger sich nur ein, sie waren zu weit weg vom Schuss).

Dagegen wurde man andernorts in Südwestdeutschland sogar bei geschlossenen Fenstern durch Kanonendonner „stets unangenehm an den Krieg erinnert“, so der Oberlehrer Walter Brand in einem Beitrag für die „Frankfurter Zeitung“. Vom „dröhnenden Krieg“ (Theodor Kramer), der einen bis in die eigenen vier Wände verfolgte, ließ sich freilich nicht jeder beirren. Im Vorwort zur dritten Auflage seines Buches „Der Gegenstand der Erkenntnis. Einführung in die Transzendentalphilosophie“, verfasst im September 1915, hoffte der Freiburger Professor Heinrich Rickert, man werde der Arbeit nicht anmerken, „dass der Kanonendonner von den Vogesen her an vielen Tagen die Konzentration auf die Welt des Unwirklichen schwer machte“.

Die Front ließ uns auch zu Hause nicht los – so formulierte es Benno Reifenberg, einer der früheren Herausgeber dieser Zeitung, 1960 in Erinnerung an den Kanonendonner des Jahres 1916. Was diese „Belagerung des Ohrs“ (Helmut Lethen) für die Soldaten auf Heimaturlaub bedeutete und welche Folgen sie für die Moral der Zivilbevölkerung hatte, wird die künftige Erforschung der Lautsphäre des Ersten Weltkrieges zu klären haben.

 

Mehr zur akustischen Dimension des Ersten Weltkriegs in meinem Vortrag Wie klang das Jahr 1916? Akustisches Gedächtnis und Erster Weltkrieg an der Universität Frankfurt/Main, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften (unveröffentlicht).

 

Sonstige Arbeiten zu Adorno (Auswahl)

1995:

Beitrag "Mit Adorno im Kino" im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Nr. 120, 24. Mai 1995, S. 36

2003:

Beitrag "Ein Sohn aus gutem Hause. Theodor W. Adornos Kindheit in Frankfurt", in: Forschung Frankfurt. Das Wissenschaftsmagazin, Heft 3-4/2003, S. 44-47.

Online-Version:

http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/frontdoor/index/index/docId/1182

 2003, 19. September, Frankfurt a.M. (Museum Giersch):

Vortrag "Abgrund der Kindheit. Eine literarisch-musikalische Annäherung an Adornos frühe Jahre" (Am Flügel: Joachim Reinhuber)

 2004, 8. Juni, Oldenburg (Landesbibliothek):

Podiumsdiskussion "Das Utopische als Erinnerungsspuren der Kindheit" [Über Theodor W. Adorno] (zus. mit Prof.Dr. Stefan Müller-Doohm/Universität Oldenburg, Moderation: Harro Zimmermann/Nordwestradio)

 2004, 22. September, Frankfurt a.M. (Schopenhauer-Gesellschaft):

Vortrag "Adorno in neuer Sicht" [mit unbekannten Bildern]

 2011, 29. Mai, Frankfurt a.M. (Tag für die Literatur in Hessen):

Stadtführung "Ein Rundgang durch Adornos Träume" [mit unbekannten Informationen]

2013, 30. Juli, Amorbach (Hotel Schafhof, auf Einladung des Bürgermeisters der Stadt)

Vortrag über Adornos Amorbach (mit neuen Informationen)

 

 

 

 

 

 

 

 

Reinhard Pabst | r.pabst@literaturdetektiv.de