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Unter den Arkaden des Universums: Die einzige nachweisbare Innenansicht des von Arthur Rimbaud regelmäßig frequentierten Grand Hotel de l’Univers in Aden und zugleich die erste bekannt gewordene Aufnahme, auf der sein Besitzer zu sehen ist: Jules Suel beim Rauchen einer Zigarre in der Eingangshalle, um 1890.   (F[elix] Jousseaume [1835-1921, Zoologe und Mediziner]: Impressions de voyage en Apharras. Anthropologie, philosophie, morale d'un peuple errant, berger & guerrier. Paris: J.B. Bailière 1914, Bd. 1, S. 173)

Das Universum war sein Hotel.

Neues zu Arthur Rimbaud  / Von Reinhard Pabst

(veröffentlicht am 30. Oktober 2010 im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“  unter dem Titel: „Der Unbekannte im Pyjama ist enttarnt“)

Als Karl May im September 1899 auf der Fahrt nach Ceylon in Aden, dem „Gibraltar des Roten Meeres“, Station machte, stieg er im Hotel de l’Europe ab. Im „Europe“ logierten vor allem Engländer und Deutsche, von denen sich manch einer über den „hochtrabenden“ Hotelnamen mokierte: „weniger großartig“ als der „Titel“ sei die „Bewirtung“.


Französische Orientreisende wie etwa Paul Claudel (1895) bevorzugten in dieser Zeit hingegen das Grand Hotel de l’Univers, das ebenfalls etwas außerhalb im Hafenvorort Steamer Point lag. Das „Univers“ war ein viel besuchter Treffpunkt für Fremde und für ortsansässige Europäer. Wie der französische Militärarzt Edmond Courtois in seinen 1891 gedruckten Erinnerungen festhielt , pflegte man dort miteinander den damals in Europa populären „Sherry Gobler“ - oder Cobler - zu trinken, mit Eis, Zitrone und Zimt. Das Eis dafür wurde, so der Schweizer Mediziner Elias Haffter 1888, „in gewaltigen Eismaschinen“ hergestellt.


Bei einer dieser Zufallsbegegnungen könnte jenes Foto entstanden sein, dessen Veröffentlichung vor ein paar Monaten weltweites Aufsehen erregte (F.A.Z. vom 17. April, zuletzt am 28. September). Ein französischer Privatsammler soll das Rarissimum, im Original 9,6 mal 13,6 Zentimeter klein, sogleich für 150 000 Euro erworben haben. Das Foto zeigt eine Frau und sechs Männer vor dem Eingang des Grand Hotel de l’Univers. Einer von ihnen, der junge Mann ganz rechts, ist angeblich Arthur Rimbaud (1854-1891), zum mutmaßlichen Zeitpunkt der Aufnahme im August 1880 noch nicht ganz 26 Jahre alt. Damit wäre dieses Bilddokument das einzige, auf dem die Gesichtszüge des Erwachsenen deutlich zu erkennen sind - im Unterschied zu vier bereits bekannten unscharfen Fotos aus den 1880er Jahren. Zumindest behaupten die Entdecker des Fotos, die Pariser Antiquare Alban Caussé und Jacques Desse, dass es Rimbaud sei, und mit ihnen der renommierte französische Rimbaud-Experte Jean-Jacques Lefrère. Erst vor einigen Tagen hat nun aber der Rimbaud-Spezialist Claude Jeancolas, Verfasser des auch auf Deutsch vorliegenden Bildbandes „Die Reisen des Arthur Rimbaud“(Metamorphosis Verlag 1992)  und zahlreicher Standardwerke zum Thema, die Authentizität des Fotos erneut in Zweifel gezogen.


Gesichert scheint einstweilen nur, dass auf dem Foto links hinten der französische Reserveoffizier und Forschungsreisende Henri Lucereau zu sehen ist, der im Oktober 1880 in Afrika ermordet wurde. Vor ihm (als zweiter von links) sitzt vermutlich ein Kaufmann namens Maurice Ries, links neben diesem möglicherweise der bekannte Afrikaforscher Georges Revoil, und die Dame ist wohl eine gewisse Augustine Emilie Bidault de Glatigné, die schwangere Gattin eines Fotografen, die am 15. November 1880 in Aden ein Kind zur Welt brachte.
In ihrem kürzlich im Internet publizierten umfangreichen Dossier „Rimbaud, Aden, 1880. Histoire d’une photographie“ haben Caussé und Desse weitere mehr oder minder plausible Zuschreibungen versucht, blieben jedoch überzeugende Antworten auf eine Reihe spannender Fragen schuldig. Zum Beispiel: „Wer ist Pyjama?“ Wer ist der auffallend leger gekleidete Älteste der Runde vorne in der Mitte? Und warum hat sich das Foto ausgerechnet in einem Nachlassrest von Jules Suel erhalten, dem Besitzer des Grand Hotel de l’Univers?


Suel (1831-1898), ein gebürtiger Franzose aus dem Departement Ardèche, war eine wichtige Drehpunktperson in Aden. Bei den Gästen seines Hotels so beliebt, dass sie ihn wie einen Herbergsvater „père Suel“ nannten, machte „Monsieur le Directeur“ es sich einem zeitgenössischen Reisebericht zufolge zur Gewohnheit, der hohen Temperaturen wegen sogar tagsüber „in pyjamas“ herumzulaufen. Solche leichten, dünnen Hausanzüge waren in den Tropen üblich, sie wurden mit einem kreolischen Ausdruck als „une moresque“ bezeichnet.


Wie Caussé und Desse jüngst erklärten, ist es ihnen trotz intensiver zweijähriger Suche nicht gelungen, ein Porträt Suels zu ermitteln, der immerhin nicht nur als Geschäfts- und Korrespondenzpartner Rimbauds, sondern auch als Schlüsselfigur der Ausländerkolonie in Aden vielfältige Spuren hinterlassen hat. Deshalb wird das hier erstmals präsentierte, von der Rimbaud-Forschung bisher übersehene Vergleichsbild umso willkommener sein. Es spricht vieles dafür, den Unbekannten im karierten Pyjama, der im Zentrum des Fotos vor dem Eingang thront, als den Hotelier im weißen costume colonial zu identifizieren, der sich um 1890 in der Eingangshalle des „Univers“ fotografieren ließ. Die Ähnlichkeiten sowohl, was die selbstbewusst lässige, entspannte Haltung angeht (breitbeinig und rauchend), als auch mit Blick auf Haarfarbe, Augenbrauen, Schnurrbart und Kopfform, sind verblüffend. Vermutlich war es auch Suel, der das Gruppenbild in Auftrag gab.


Als Rimbaud im August 1880 in Aden eintraf, war Suels Haus, in dem auch der Schweizer Zoologe Conrad Keller eine „bequeme und billige Unterkunft“ fand („Reisebilder aus Ostafrika“, 1887), für ihn die erste Anlaufstelle. Das Universum war sein Hotel und blieb es auch in den folgenden Jahren. Hier ging er ein und aus, hier wohnte er gelegentlich und hierhin ließ er sich 1885/86 monatelang seine Post schicken.


Über Rimbauds afrikanische Jahre war die deutschsprachige Öffentlichkeit im übrigen sehr viel früher und genauer unterrichtet als man bisher auch nur ahnte. Der Dichter, der kein Dichter mehr sein wollte, geisterte bereits in den 1880er Jahren als schreibender „Händler“, „einer der ersten Pioniere in Harrar“ und „Reisender“, „bekannt durch seine Handelszüge in Abessinien“, durch viele geographische Zeitschriften des deutschen Sprachraums, die im einzelnen bis heute noch gar nicht alle erfaßt und ausgewertet worden sind. Nur wenige Wochen, nachdem am 1. Februar 1884 Rimbauds berühmter Expeditionsbericht „Rapport sur l’Ogadine“ in den Sitzungsprotokollen der Pariser Société de Geographie erschienen war, legte die Münchner Zeitschrift „Das Ausland“ eine bislang unbeachtete Zusammenfassung des Texts vor (siehe unten. Und auch Rimbauds früher Tod 1891 „in Folge einer Amputation des Fußes zu Marseille“ wurde diesseits des Rheins aufmerksam registriert


Die früheste deutsche Rimbaud-Übersetzung

Arthur Rimbaud / Ogaden

Rimbaud, der Agent eines französischen Handlungshauses in Harrar, sandte folgenden Bericht über das noch wenig erforschte Gebiet der Nordostspitze Afrikas an die Geographische Gesellschaft in Paris („Bulletin“ 1884, 1. Februar): Ogaden, der Sammelname für eine Anzahl von Somalistämmen und für die von ihnen bewohnte Gegend, grenzt in Nord, Ost und Süd an die Habr-Gerhadji, Dulbohant, Medjertins und Hawia, im Westen an die Gallas am Webbi. Von Harrar führen zwei Wege nach Ogaden. Der eine, südlich vom Berge Kondudu, mit 3 Stationen, beträgt 140 Km., ist am wenigsten gefährlich und hat Wasser; der andere führt südöstlich über Babili und Wara-Heban durch die räuberischen Gallasstämme der Hawia. Die Ogaden sind ein Nomadenvolk; in ihrem Lande gibt es weder Straßen noch Märkte. Die auf den Karten eingetragenen Straßen nach Berbera und Makdischu können nur im allgemeinen die Richtung der Karawanenwege andeuten. Das Land, eine fast absolut flache Steppe, liegt kaum 900 m. über dem Meer und ist viel heißer als Harrar. Im März und Oktober fällt zwar häufig Regen, aber kein ausgiebiger. In der Nähe des Webbi beginnt wieder einiger Ackerbau. Die Ogaden sind von stattlicher Statur, mehr rot als schwarz; sie tragen keine Kopfbedeckung, aber reinliche Kleider, an der Seite den Säbel und die mit Wasser gefüllte Kürbisflasche, in den Händen einen Stock, eine große und kleine Lanze und an den Füßen Sandalen. Sie sind fanatische Mohamedaner und ein kriegerisches Volk, stets auf Räubereien bedacht. Ihre Herden bestehen aus Rindern, Schafen, Ziegen, Pferden von geringer Rasse, Kamelen und besonders Straußen. Jedes Dorf besitzt einige Dutzend Strauße, welche unter der Aufsicht von Kindern weiden und zutraulich im Feuerwinkel der Hütten ihre Lagerstätte aufsuchen. Man zieht ihnen drei- bis viermal im Jahr die Federn aus und erntet jedes Mal ein halbes Pfund schwarze und 60 Stück weiße. Wilde Strauße gibt es in Menge; sie werden durch List erjagt, indem der Eingeborene sich in den Balg eines Weibchens steckt und das herangelockte Männchen mit Pfeilen erlegt (?). Elefanten finden sich wenige, nur am Webbi. Die Ogaden machen auf sie zu Pferde Jagd; während an 50 Reiter das Tier vorn und an der Seite anzugreifen drohen, durchhaut von hinten ein geschickter Jäger die Kniekehle mit dem Säbel. Zwischen den Ogaden wohnt eine zahlreiche, aber niedriger geachtete Menschenrasse, die Mitgaus, ein Abzweig der Somali, deren Sprache sie auch sprechen.

Erstdruck in: Das Ausland. Wochenschrift für Länder- und Völkerkunde, Nr. 10, 10. März 1884

 

Zu diesem Beitrag in der FAZ siehe auch:

- L'Express (Paris), 3. November 2010:

http://www.lexpress.fr/culture/livre/photo-de-rimbaud-a-aden-pyjama-serait-identifie_933473.html

- Libération (Paris), 5. November 2010:

http://www.liberation.fr/livres/01012300608-photo-de-rimbaud-le-coin-de-table-a-aden-parait-desormais-complet

und diverse französische Blogs (genaue Angaben folgen noch)

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Reinhard Pabst | r.pabst@literaturdetektiv.de