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Jenseits von Aden. Neues zum Streit um das ominöse Rimbaud- Foto

(eine gekürzte und redaktionell bearbeitete Fassung dieses Texts erschien in der FAZ vom 9. Februar 2011)

 

Anfang Mai 1877 soll Arthur Rimbaud in Köln gewesen sein, um für die niederländisch-indische Kolonialarmee Söldner anzuwerben. So gut deutsch habe er gekonnt, dass er zwölf Rekruten verpflichtete, mit denen er in einer Bierkneipe zechte, erzählt sein Jugendfreund Ernest Delahaye in einem immer wieder aufgelegten Erinnerungsbuch. Der Romanistin Ute Harbusch gelang es schon vor Jahren, in Stuttgart, wo er 1875 Deutsch erlernte, Rimbauds Adresse und weitere Fakten zu ermitteln (veröffentlicht in einem schönen „Spuren“-Heft des Deutschen Literaturarchivs Marbach, 2000). Doch in der Domstadt lässt sich mehr über ihn vorläufig nicht herausfinden. Denn mit dem Einsturz des Historischen Archivs 2009 wurden alle nach dem Verlust der Einwohnermeldekartei im zweiten Weltkrieg dort noch vorhandenen Quellen verschüttet, die zur Klärung von Details seines Kölner Besuchs hätten beitragen können. Es ist - bis auf weiteres - schwieriger, über Rimbauds Zeit am Rhein zu recherchieren als über die am fernen Golf von Aden.

Nach Aden im heutigen Jemen kam Rimbaud Mitte August 1880. „Man macht sich schwer eine Vorstellung von dem zwar großartigen, aber ganz trostlosen Anblick, den die Umgebung dieser Stadt gewährt“, heißt es in einem Vortrag über „photographische Ansichten aus Aden“ des österreichischen Weltenbummlers Richard von Poche, der es im Dezember 1879 nicht lange dort aushielt. „Nichts als ungeheure Massen rötlich-brauner ausgebrannter Lava ringsum. Die Hügel und Berge erscheinen gänzlich kahl, kein Baum, kein Strauch, ja nicht ein grüner Halm findet hier sein Fortkommen…In der Regel wird sich der Reisende überhaupt bald wieder von Aden fortwünschen“. Ähnlich desillusioniert klingt Rimbauds zweiter überlieferter Brief aus Aden an seine Familie: der Ort sei „ein schrecklicher Felsen ohne einen einzigen Grashalm“ (25. August 1880).

Fotos, auf denen Rimbaud im damals allgemein als Hölle auf Erden berüchtigten Aden zu sehen ist, sind bislang nirgendwo aufgetaucht. Das lässt sich anhand des wunderbaren, großformatigen Porträt-Bandes „Face à Rimbaud“ (Editions Phébus, Paris 2006) leicht nachprüfen, in dem Jean-Jacques Lefrère die Rimbaud-Ikonographie umfassend dokumentiert hat. Dem biographischen Verlangen, das alles wissen und alles sehen will, scheinen sich beide dauerhaft zu verweigern: der „Anti-Poet“, der sich aus Europa absetzte, sein früheres Leben hinter sich ließ und keine Gedichte mehr schrieb, ebenso wie die Anti-Stadt, die ein deutscher Besucher gegen Ende des 19. Jahrhunderts als „die gänzliche Verneinung alles dessen, was einen Menschen zur Erbauung seines Wohnortes reizen kann“, bezeichnete: Aden sei „einzig durch das, was es nicht bietet“.

Umso stärker war deshalb das internationale Medienecho, als im April 2010 zwei Antiquare, Alban Caussé und Jacques Desse, mit einer Bromsilbergelatine-Aufnahme an die Öffentlichkeit gingen, die sie ihren Angaben zufolge 2008 auf einem Flohmarkt aufgestöbert hatten. Das historische Foto, so behaupten sie, zeige den fünfundzwanzigjährigen Ex-Dichter Rimbaud im August 1880 zusammen mit anderen Personen vor dem Hotel de l’Univers in Aden. Jenes Hotel und seine „immense vérandah“ (so ein französischer Gast 1883), auf der arabische Händler den Kaffee trinkenden Europäern Orangen, Bananen und Datteln verkauften, ist in vielen zeitgenössischen Reiseberichten erwähnt; der ebenfalls abgebildete Besitzer des Hotels konnte in dieser Zeitung zweifelsfrei identifiziert werden (F.A.Z. vom 30. Oktober 2010).

Auf dem „Salon international du livre ancien“ im Pariser Grand Palais erwies sich das Foto im vergangenen Frühjahr als ausgesprochener Publikumsmagnet, sogar der französische Kulturminister Frédéric Mitterrand nahm das Ausstellungsstück, das für eine sechsstellige Summe den Besitzer wechselte, bei einem Buchmessenrundgang persönlich in Augenschein. Das anhaltende Interesse, ja die Begeisterung für die literarische Ikone Rimbaud ist in Frankreich so groß, dass im Internet, besonders im von Catherine Magdelenat moderierten Rimbaud-Forum www.mag4.net, in diversen Blogs und auch in der Presse schon seit Monaten eine Debatte um die Authentizität des ominösen Fotos tobt. Der Meinungsstreit wird gelegentlich mit sehr harten Bandagen geführt – „als ginge es um Arthur Rambo“, wie ein Pariser Beobachter jüngst privat anmerkte. In den letzten Tagen hat sich diese Diskussion noch weiter zugespitzt. Gegenwärtig deutet manches darauf hin, dass ihr vermeintlicher „Sensationsfund“ („Die Welt“) den Buchhändlern zwischen den Fingern zerrinnen könnte wie eine Handvoll jemenitischer Sand.

Ein Hobby-„Rimbaldist“ namens Jacques Bienvenu erklärte nämlich kürzlich gegenüber der französischen Nachrichtenagentur AFP, dass es sich bei dem Mann links außen auf dem Bild seiner Ansicht nach um den belgischen Arzt Dr. Pierre Dutrieux (1848 bis 1889) handle. Zum Beweis legte er ein Foto des Mediziners vor, das ihm von einem Privatforscher zugespielt wurde und dessen Original sich in der Bibliothèque Nationale in Paris befindet. Völlig unbekannt ist Dutrieux keineswegs, er machte sich als Afrikareisender einen Namen, publizierte eifrig über verschiedenste Themen und wurde nach einem Vortrag auf dem internationalen Hygiene-Kongreß 1884 in Den Haag von einem berühmten Fachkollegen aus Paris in Grund und Boden kritisiert. „Heftige, unerquickliche“ Meinungsverschiedenheiten vermerkt das Protokoll – sein Opponent war kein Geringerer als Dr. Adrien Proust, Vater von Marcel Proust und oberster Medizinalbeamter Frankreichs.

Die physiognomischen Übereinstimmungen zwischen Dr. Dutrieux und dem Bärtigen am Ecktisch in Aden sind in der Tat frappierend. Als zusätzlichen Trumpf spielte Bienvenu gegen Caussé und Desse einen gedruckten Brief des Arztes aus, auf den sie selbst bei ihren Forschungen gestoßen waren, ohne ihm irgendeine Bedeutung beizumessen. In dem Brief, zuerst erschienen in der Kairoer Zeitung „Egyptian Gazette“ vom 19. Februar 1881, erwähnt Dutrieux einen rund zweiwöchigen Aufenthalt in Aden, den er in Gesellschaft des Forschungsreisenden Henri Lucereau (auf dem Bild links hinten) verbracht habe. Das sei allerdings, so Dutrieux wörtlich, „en novembre“ (im November) 1879 gewesen. Für Bienvenu, im Hauptberuf Mathematiker, steht deshalb fest: da Rimbaud frühestens Mitte August 1880 in der südarabischen Hafenstadt eintraf, habe eine gleichzeitige Begegnung zwischen ihm, Lucereau (der Aden in der zweiten Augusthälfte verließ) und Dutrieux niemals und unter keinen Umständen stattfinden können - völlig ausgeschlossen also, dass es Arthur Rimbaud sei, der da auf dem Perron des Hotels ganz rechts sitze.

Darauf haben Caussé, Desse und ihr Mitstreiter, der Rimbaud-Biograph und –Herausgeber Jean-Jacques Lefrère, auf der Website der Wochenzeitung „Nouvel Observateur“ und in einem Beitrag für die Online-Zeitschrift „La Revue des Ressources“ trotzig entgegnet, jener Dr. Dutrieux hätte durchaus im August 1880 in Aden gewesen sein können (und sich dann gemeinsam mit Lucereau und Rimbaud ablichten lassen).

Das ist indes reine Spekulation - und wie haltlos sie ist, beweist ein unscheinbares Dokument, das bislang unbeachtet im kleinen Museum Schloß Schönebeck im Bremer Stadtteil Vegesack liegt. Unter tausenden von Briefen, die dort im Nachlaß des bedeutenden Afrikaforschers Gerhard Rohlfs (1831 bis 1896) verwahrt werden, hat sich auch ein schmales Bündel mit Korrespondenz des Dr. Dutrieux erhalten. Der entscheidende Brief, aus dem hier zum ersten Mal zitiert wird, trägt das Datum des 16. August 1880 und beginnt mit den Worten: „Je vous écris de Siout où je suis depuis quelques jours“ (Rohlfs-Archiv, Signatur RA 14.97), zu deutsch: Ich schreibe Ihnen aus Siut - einer Stadt am Nil, südlich von Kairo -, wo ich seit einigen Tagen bin.

Selbst wenn der Arzt unmittelbar nach Beendigung des zweiseitigen Schreibens die Feder in die Ecke geworfen hätte, um augenblicklich von Siut (heute Asyut) in Ägypten nach Südarabien aufzubrechen, hätte er es nicht mehr rechtzeitig bis zur Abreise von Lucereau geschafft. Nicht einmal Jules Vernes Romanheld Phileas Fogg („Reise um die Erde in 80 Tagen“, 1873) hätte das fertig gebracht. Allein für die 1310 Meilen lange Fahrt auf dem Roten Meer von Suez nach Aden benötigte ein Raddampfer um 1880 acht Tage, ein Schraubendampfer immerhin noch fünf. Außerdem liegt Siut/Asyut mehrere hundert Kilometer von Suez entfernt. Und wozu hätte Dutrieux denn überhaupt so plötzlich nach Aden reisen sollen? Nach allem, was wir bisher über ihn wissen, kehrte er noch vor Ende des Monats August 1880 von „Siout“ nach Alexandria zurück.

Die Verfechter der kühnen Rimbaud-Hypothese sind nun gewaltig in die Bredouille geraten. Ob und wie sie das vor dem Hotel de l’Univers entstandene Foto für die Rimbaud-Ikonographie retten können - das erscheint fraglicher denn je.

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Dazu ein Interview mit dem Deutschlandfunk:

"Der Dichter ohne Gesicht. Angebliches Rimbaud-Foto sorgt für Aufregung. Reinhard Pabst im Gespräch mit Stefan Koldehoff" (9. Februar 2011)

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/1384951/

 

 

 


Reinhard Pabst | r.pabst@literaturdetektiv.de